Von Schubladen und Psychiatrie

Die Behandlung erkrankter Menschen steht im klinischen Alltag eines Arztes im Mittelpunkt. Patienten suchen aufgrund ihres Leidensdrucks ärztlichen Rat. Sie schildern ihre subjektiven Symptome, aus deren Gesamtheit der Arzt eine Verdachtsdiagnose erstellt und diese mittels zumeist technischer oder laborchemischer Diagnostik objektiviert und sichert.

In der Psychiatrie weicht der medizinische Alltag davon entscheidend ab: Viele Patienten suchen auch hier eigeninitiativ Hilfe und können ihre Symptome beschreiben. Eine daraus resultierende Verdachtsdiagnose kann jedoch nicht technisch verifiziert werden. Standardisierte psychometrische Tests können zurate gezogen werden, doch auch sie stützen sich auf die subjektiven Aussagen des Patienten. Kernelement der psychiatrischen Diagnostik ist das persönliche Gespräch mit dem Patienten, umgesetzt in empathischem und exaktem Durchdringen der Symptomatik, ergänzt um die Beobachtung der Mimik und Gestik sowie des eigenen Eindrucks des Therapeuten.

Die Akutpsychiatrie wartet zudem mit Fällen auf, in denen objektiv schwer erkrankte Menschen keinen entsprechenden subjektiven Leidensdruck empfinden. Sie von der Notwendigkeit einer Behandlung zu überzeugen, ist ein für Ärzte im allgemeinen ungewohntes Feld.

Letztendlich soll aber auch in der Psychiatrie die Erstellung einer Diagnose Ziel der ersten Kontakte sein. Krankenkassen setzen sie als Begründung der Behandlungsindikation voraus, den Ärzten bietet sie Anknüpfungspunkt für eine leitliniengerechte Therapie.

Gerade im Bereich psychiatrischer Erkrankungen ist dieses Labelling der Patienten durch die Zuordnung in Diagnose-Schubladen aber auch riskant. Es droht die Verallgemeinerung des persönlichen Schicksals durch den Fokus auf die Behandlung der Erkrankung anstelle der Behandlung des Menschen. Nur selten schafft es eine Leitlinie, biografische, familiäre, berufliche, soziale, finanzielle und juristische Faktoren, die das psychosoziale Umfeld eines Patienten darstellen, umfänglich aufzugreifen und in die allgemein gängige Behandlung der vorliegenden Erkrankung einzubinden. Es geht um einen Eingriff in das emotionale Erleben, die Veränderung sozialer Interaktion oder eine Umstrukturierung von Gewohnheiten und Sicherheiten.

Die maximale Individualisierung des Therapieregimes ist hier indiziert, erfordert aber zugleich den Mut des behandelnden Arztes, den vorgegebenen Pfad der Leitlinie zu verlassen und eigenverantwortlich zu denken, zu handeln und zu be-handeln.

Die Vergabe psychiatrischer Diagnosen zieht darüber hinaus für den Betroffenen weitreichende Folgeschäden nach sich. Familie, Freunde, Nachbarn, Bekannte, Bekannte von Nachbarn, aber auch Versicherungen, Arbeitgeber und nicht zuletzt Ärzte verändern ihren Blick auf diesen Menschen. Sie begegnen ihm mit Vorurteilen, Ängsten, Mitleid. Und auch die Patienten selbst kämpfen mit ihren eigenen Vorurteilen ihrer Diagnose gegenüber. Sie scheuen sich, sich damit zu identifizieren aus Angst vor Stigmatisierung. Die Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen und psychiatrisch Erkrankter ist allgegenwärtig und muss als Krankheitsfolge immer berücksichtigt werden.

Gelingt es, eine Diagnose zu stellen und mit ihrer Hilfe die Symptome und das Leiden eines Menschen in einen passenden Kontext zu bringen, dem Betroffenen zu zeigen, nicht einfach anders, komisch oder falsch zu sein, kann dies entlastend wirken. Es dürfen keine Schubladen mehr geöffnet werden, sondern es muss offen und kreativ behandelt werden, um das Optimum für den Patienten erreichen zu können.

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