Von Gewalt und Psychiatrie

Gewalt spielt im Alltag der Psychiatrie eine Rolle. Eine Rolle, die Aufmerksamkeit und noch viel mehr Kontrolle oder gar Überwachung braucht. Wie viel Gewalt muss sein? Lässt sich vielleicht nicht verhindern? Wie viel Gewalt kann und muss verhindert werden?

Häufiges Aufnahme-Szenario in der Akutpsychiatrie auf einer geschützten Station ist die Aufnahme hoch erregter und in dieser Erregung gewaltbereiter Patienten, häufig in Begleitung der Polizei. Sie werden im Rahmen ihrer schweren Erkrankung im Alltag auffällig, zeigen sich dabei oft eigen- oder fremdgefährdend. Vermutet die meist vorrangig hinzugezogene Polizei eine psychiatrische Erkrankung als Ursache des Ausnahmezustandes eines Menschen, zieht sie einen Amtsarzt hinzu. Er prüft in seiner Funktion die Notwendigkeit einer zwangsweisen Unterbringung des Betroffenen, deren Umsetzung dann zumeist gegen den Willen des zukünftigen Patienten umgesetzt wird. Auf diese Weise kommt es regelhaft zu Zwangseinweisungen von Menschen in akuten Krisen, in denen sie nicht mehr leben wollen, Menschen mit in schweren Rauschzuständen, Menschen mit paranoiden Wahnvorstellungen und sie bedrohenden Halluzinationen.

Wird nun Zwang gegen diese hoch angespannten Menschen angewendet, so potenzieren sich Eigen- oder Fremdaggression mit der Aberkennung jeglicher Kontrolle und Autonomie.

In der Klinik wird das Eintreffen eines solchen Patienten meist vorher durch den Amtsarzt angekündigt. Es entsteht auch hier eine gesteigerte Anspannung in Erwartung des erregten Patienten. Die Angst vor oder um einen Patienten bedroht das Personal. Ihre Angst vor der notwendigen Übernahme der Verantwortung bei Autoaggressivität, aber auch ihre Angst vor der Gewaltbereitschaft der nicht steuerungsfähigen Patienten prägen die Situation.

Weil Angst so sehr an Hilflosigkeit und Ohnmacht erinnert, wendet sie sich häufig in Aggressivität. So erfolgt der Rollenwechsel aus der Hilflosigkeit in die Rolle des Stärkeren. Und genau hier beginnt der Drahtseilakt zwischen der zu erfüllenden Aufgabe medizinischen Personals, nämlich dem Schutz des Patientenvor sich selbst, und dem eigenen Schutz, der aus Angst und entstehender Aggression bald in Machtdemonstration entarten kann. Es verlangt dem Krankenhauspersonal ein hohes Maß an Professionalität ab, ihre Gefühle zu kontrollieren. Sie müssen sich stets den Krankheitswert der Handlungen des Patienten vor Augen führen. Sie sollen ihn als erkrankten Menschen behandeln, während sie verbal und körperlich mitunter massiv attackiert werden.

In der Akutpsychiatrie ist die Fähigkeit gefordert, die Perspektive zu wechseln, um gegenseitiges Verständnis und Verständigung zu ermöglichen. Die verschiedenen Blickwinkel möchte ich in weiteren Beiträgen nach und nach aufzeigen und dabei ein besonderes Augenmerk auf das innere Erleben aller betroffenen Personen zu richten.

Einblicke in die Psychiatrie und die dort beheimatete Menschlichkeit sollen für neue Perspektiven sorgen.

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