Corona's Risikopatienten – ein Perspektivwechsel

Corona ist dieser Tage in aller Munde. Ein Virus, das alle gängigen Sicherheitssysteme untergräbt und unseren Alltag befällt. Ein Virus, das die Integrität unseres sonst so sicheren und gesicherten Lebens stört, das Existenzen wirtschaftlich und sogar vital zu bedrohen vermag.

Zahlreiche, stetig in Umfang und Durchschlagskraft steigende Einschränkungen des gesellschaftlichen Alltags sollen einer baldigen Beherrschung der Situation dienen, dem baldigen Rückgewinn der Sicherheit.

Politik und Medien richten den Fokus auf den Schutz der sogenannten Hochrisiko-Patienten. Es geht um die Risikoreduktion für die im Falle einer Infektion lebensbedrohten Menschen und zu diesem Zweck natürlich um den Erhalt eines vollumfassend funktionierenden Gesundheitssystems mit jeder notwendigen Versorgung akut erkrankter Personen. Dieser Fokus ist gewiss ein wichtiger und notwendiger.

Ebenso nachvollziehbar ist es, dass viele Menschen diesem Fingerzeig folgen und zugleich auch ihr eigenes Schicksal in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rücken.

An dieser Stelle möchte ich zu einem Perspektivwechsel einladen und den Blick auf eine derzeit fast ungesehene Randgruppe der Gesellschaft lenken. Die unsichtbare Gruppe der schwer psychiatrisch erkrankten Menschen.

Sie befinden sich auch in von Corona dominierten Zeiten akut erkrankt in psychiatrischen Kliniken oder chronisch erkrankt in Einrichtungen oder eigenen Wohnungen. Die meisten sind auf regelmäßige Unterstützung im Alltag angewiesen, erhalten die Hilfen stationär oder als aufsuchende Hilfen in den eigenen vier Wänden.

Im Zuge der virusbedingten aufkommenden Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen entstehen für diese Menschen große Schwierigkeiten. In den Einrichtungen gelten Ausgangs- und Besuchsverbote zum Schutze der Bewohner, die oft selbst auch körperliche Risikofaktoren aufweisen. Im Rahmen ihrer psychiatrischen Erkrankungen aber sind sie nicht nur der realen Gefahren durch eine Infektion ausgesetzt. Vielmehr drohen unter den aktuellen Gegebenheiten ihre seelischen Erkrankungen zu exazerbieren: Angstpatienten leiden unter verstärkten Ängsten, Zwangspatienten unter verstärkten Zwängen, depressiven Patienten brechen das antreibende und stützende Umfeld und die so wichtigen angenehmen Aktivitäten weg. Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, für die der zwischenmenschliche Kontakt aus Angst vor dem Verlassenwerden und drohender Einsamkeit lebenswichtig ist, sehen sich mit ihren größten Ängsten konfrontiert. Menschen mit psychotischen Störungsbildern sind mit ihren Stimmen im Kopf allein, bauen zunehmend Corona in ihren Wahn mit ein. Ihr wahnhaftes Erleben lässt sie alles auf sich beziehen, lässt sie sich ursächlich für all die Maßnahmen und gar die Virusausbreitung erleben. Sie leiden unter Ängsten und massiver innerer Unruhe, die sie sich derzeit nicht draußen ablaufen können.

Und so spitzt sich die Situation in den psychiatrischen Wohnheimen zu, ungesehen vom Rest der Bevölkerung.

Aber auch die psychiatrisch erkrankten Menschen, die in eigenem Wohnraum leben können, dort aber das Hilfesystem in unterschiedlichem Umfang in Anspruch nehmen, sind nun in Gefahr. Plötzlich müssen sie auf die gewohnten tagesstrukturierenden Beschäftigungsangebote, die Tagesstätten und Werkstätten und auf ambulante aufsuchende Hilfen verzichten. Dieser Verlust, verbunden mit den krankheitsbedingten Schwierigkeiten im Umgang mit der realen Angst vor einer Infektion, ist ein riesiges Problem für sie. Der sonst bekannte Weg in die Kliniken zur kriseninterventionellen Unterstützung verlängert sich aus Sorge vor dem zu erwartenden Menschenaufkommen im Krankenhaus. Diese Menschen fühlen sich allein gelassen, fallen gelassen von dem ihnen bekannten System.

Sind sie auch keine Hochrisiko-Patienten für einen komplizierten Infektionsverlauf, so sind sie dennoch Hochrisiko-Patienten für akute schwere Erkrankung in jetzigen Zeiten.

Ich möchte die Perspektive auch auf sie richten. Dazu anregen, auch diesen Menschen in dieser Krisenzeit nach Möglichkeit zu helfen, ihnen zu signalisieren, dass sie gesehen werden, dass ihre Not erkannt wird. Dazu aufrufen, sie nicht noch weiter an den Rand der Gesellschaft zu drängen, sondern ihnen die Angst vor Einsamkeit, die Angst davor, ihrer Erkrankung schutz- und hilflos ausgeliefert zu sein, zu nehmen. Sie zu sehen und sie ernst zu nehmen. Auch sie brauchen nun die Hilfe der Bevölkerung und müssen mehr denn je integriert werden.

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