Vom Bootfahren und Bergsteigen

Nach so langer depressiver Phase wieder an Land zu gehen, ist wie ein großes Wunder. Ich lege an, gehe von Bord und staune. Staune über die Farben, die Freiheit, die Leichtigkeit, die mich erfüllt. Ich genieße die Ankunft in meinem Heimathafen und zelebriere sie mit meinen Lieben. So vieles ändert sich für mich jetzt. Es ändert sich zum Guten, es geht mir besser.

Doch obwohl ich es unbedingt möchte, schaffe ich es noch nicht, mein Boot und den Anleger weit hinter mir zu lassen. Dieses düstere Boot, das mit mir an Bord so schnell und langfristig diesen Hafen verlassen hat, liegt nun still und bewegungslos da. Es bleibt. Es bleibt bedrohlich. Macht mir Angst.

Ich versuche, mich nicht umzudrehen, während ich über den wackligen Steg zum Festland laufe. Aber ich spüre den dunklen Kahn hinter meinem Rücken.

Meinen Blick nach vorne gerichtet, nehme ich die Hände meiner im Hafen wartenden Lieben und halte mich an ihnen fest. Lasse mich festhalten. Mit dem Festland unter den Füßen fühle ich mich sicher. Ich nehme meinen Mut zusammen und mache mich auf den Weg, den Berg zu erklimmen. So fühlt es sich an. Als müsste ein Berg bestiegen werden, hinter welchem dann Gesundheit, Freiheit und Leichtigkeit warten. Den Aufstieg kann ich in enger Begleitung antreten. Anders als an Bord bin ich nicht mehr so allein, denn ich spüre meine Lieben wieder an meiner Seite.

Aber die Angst überwältigt mich noch immer dann und wann. Die Angst, unachtsam zu sein und einen Stolperstein zu übersehen, ins Straucheln zu kommen und dann steil bergab zu rollen. Ohne Kontrolle. Vielleicht sogar wieder an Bord. Bei all der an Land wieder erlangten Leichtigkeit wiegt sie nun so schwer. Denn weil die Gleichgültigkeit an Bord geblieben ist, weil ich meine Gefühle wieder spüren kann, weil ich endlich gesund werde, habe ich wieder etwas zu verlieren. Es ist mir nicht mehr egal. Und das macht Angst.

Diese Gedanken und Gefühle schüren meinen Kampfgeist, aber machen mich auch empfänglich für Unsicherheit. Darüber versuche ich zu sprechen, um mich festhalten zu lassen. Ich übe mich darin, den Steg zu dem dunklen Boot abzuriegeln, einen möglichen Sturz durch Fangzäune zu unterbrechen. Ich übe mich darin, meine Angst zu teilen und zu vertrauen, um mich durch meine Lieben sichern zu lassen.

Mein Entschluss steht fest. Ich werde die andere, die lebendige Seite erreichen. Mit all der erforderlichen Unterstützung und mit mir.

Ein Kommentar zu “Vom Bootfahren und Bergsteigen

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